Der Orientalismus war eine Strömung der westlichen Malerei des 19. Jahrhunderts, am stärksten in Frankreich und Großbritannien, die Nordafrika und den Nahen Osten als Welt der Harems, Basare, Wüsten und biblischen Stätten zeigte. Gemalt wurde meist in geschliffener akademischer Manier, mit feinstem Detail, leuchtender Farbe und großer Lust am Exotischen. Kunsthistoriker unterscheiden Maler, die auf Reisen Gesehenes festhielten, von solchen, die ihre Szenen im Atelier erfanden. Der französische Kritiker Jules-Antoine Castagnary machte das Wort Orientalist zum Schimpfwort, doch Jean-Léon Gérôme wurde Ehrenpräsident der 1893 gegründeten Gesellschaft der französischen Orientalistenmaler.
Östliche Gestalten gab es in der westlichen Kunst schon lange zuvor. Im Venedig der Renaissance reiste Gentile Bellini nach Konstantinopel und porträtierte den Sultan, und Vittore Carpaccio füllte seine Szenen mit weiß gekleideten Turbanträgern. Im 18. Jahrhundert arbeitete Jean-Étienne Liotard in Istanbul, schuf Pastelle türkischen Alltagslebens und trug auch zurück in Europa weiter türkische Tracht. Reisende ließen sich gern in orientalischer Kleidung malen, ebenso Madame de Pompadour, die Europa nie verließ. Lord Byrons Dichtungen verbreiteten dann eine romantische Vorliebe für exotische östliche Schauplätze, die viel Malerei des 19. Jahrhunderts prägte.
Die eigentliche Bewegung begann mit Napoleons Feldzug in Ägypten und Syrien (1798-1801), der militärisch scheiterte, aber eine Begeisterung für Ägypten weckte. Antoine-Jean Gros, der die Expedition nicht begleitet hatte, verherrlichte sie in „Bonaparte bei den Pestkranken von Jaffa“ (1804, Louvre). Die Regierung gab zwischen 1809 und 1828 die reich illustrierte „Description de l’Égypte“ heraus. Eugène Delacroix (1798-1863) malte den griechischen Krieg gegen die Osmanen in „Das Massaker von Chios“ (1824, Louvre), bevor er den Orient gesehen hatte. Sein „Tod des Sardanapal“ (1827, Louvre), von Byron angeregt, gilt oft als Beginn jener Mischung aus Erotik, Gewalt, Trägheit und Exotik, die einen Großteil des späteren französischen Orientalismus durchzieht.
1832 begleitete Delacroix eine französische Gesandtschaft zum Sultan von Marokko und machte auf der Rückreise in Algier Station, das die Franzosen 1830 eingenommen hatten. Er verglich die Menschen, denen er begegnete, mit den alten Römern und malte Motive dieser Reise bis an sein Lebensende. Frauen ließen sich kaum zeichnen, doch offenbar erhielt er Zutritt zu einem Harem in Algier, der Grundlage der „Frauen von Algier in ihrem Gemach“ (1834, Louvre). Jean-Auguste-Dominique Ingres reiste nie in den Orient, doch seine „Große Odaliske“ (1814, Louvre) und das runde „Türkische Bad“ (1862, Louvre) prägten das Bild des trägen Akts in einem erträumten Harem. Sein Schüler Théodore Chassériau malte „Die Toilette der Esther“ (1841, Louvre) Jahre bevor er 1846 erstmals Algerien sah.
Dampfschiffe erleichterten das Reisen, und immer mehr Maler fuhren in den Orient. Jean-Léon Gérôme (1824-1904) wurde zur führenden Gestalt; er malte Moscheen, Märkte und Straßenleben in glatter, fast fotografischer Genauigkeit und gleißendem Licht. Seine Harems-, Bade- und Sklavenmarktszenen, von vielen Nachfolgern aufgegriffen, verbanden den Orientalismus mit dem erotisierten Akt. Eines dieser Bilder, Sklaven zum Verkauf in Kairo, erregte 1871 an der Londoner Royal Academy breiten Anstoß. „Der Schlangenbeschwörer“ (um 1879, Clark Art Institute, Williamstown), auf dem ein nackter Knabe vor bewaffneten Männern und einer Wand aus blauen Fliesen auftritt, wurde zu einem der bekanntesten Bilder der Bewegung.
Der britische Orientalismus entsprang eher der Religion als der Eroberung. Sir David Wilkie reiste 1840 nach Istanbul und Jerusalem, um echte Schauplätze für biblische Themen zu finden, und starb auf der Heimfahrt vor Gibraltar. Der Präraffaelit William Holman Hunt arbeitete in Ägypten und Palästina und malte „Die Auffindung des Erlösers im Tempel“ (1860, Birmingham Museum and Art Gallery) mit archäologischer Sorgfalt. David Roberts (1796-1864) veröffentlichte Lithografien von Tempeln und Ruinen in „The Holy Land, Syria, Idumea, Arabia, Egypt and Nubia“. John Frederick Lewis lebte jahrelang in einem Haus in Kairo und malte leuchtende Innenräume voller Holzgitter und Seidenstoffe; Akte malte er nie, und seine Frau stand für seine Haremsszenen Modell.
Andere Länder malten ihren eigenen Orient. Russische Künstler wandten sich Zentralasien zu, das das Zarenreich damals eroberte, und Wassili Wereschtschagin zeigte die Grausamkeit dieser Kriege in „Die Apotheose des Krieges“ (1871, Tretjakow-Galerie, Moskau), einer Schädelpyramide in der Wüste. In Mitteleuropa und auf dem Balkan schilderten Historienmaler Schlachten gegen die Osmanen. Edwin Lord Weeks, der 1883 Britisch-Indien erreichte, gilt als erster amerikanischer Maler, der dort nachweislich arbeitete; er malte Maharadschas und Paläste. Der in Paris ausgebildete osmanische Maler Osman Hamdi Bey bot in „Der Schildkrötendresseur“ (1906, Pera Museum, Istanbul) einen Blick von innen. Henri Matisse belebte in seinen Bildern aus Nizza in den 1920er Jahren die Odaliske neu.
Edward Saids Buch „Orientalismus“ (1978) gab dem Wort eine neue Bedeutung: eine westliche Gewohnheit, den Osten als statisch und rückständig darzustellen, verflochten mit imperialer Macht. Auf seinem Umschlag erschien ein Ausschnitt aus Gérômes „Schlangenbeschwörer“. Said schrieb über Literatur; 1983 übertrug die Kunsthistorikerin Linda Nochlin seinen Ansatz in ihrem Essay „The Imaginary Orient“ auf die Malerei. Andere, etwa der Kritiker Jonathan Jones, meinten, die meiste orientalistische Kunst sei aus aufrichtiger Neugier und Bewunderung statt aus Vorurteil entstanden. Seit den 1970er Jahren erlebt das Sammeln dieser Malerei eine kräftige Wiederbelebung, getragen vor allem von Käufern aus dem Nahen Osten.