Venedig hielt ihn so vollstaendig fest, dass er nie wieder ging. Friedrich von Nerly (24. November 1807, Erfurt - 21. Oktober 1878, Venedig), geboren als Christian Friedrich Nehrlich, war ein deutscher Maler der Romantik, dessen leuchtende Veduten der Lagunenstadt ihm europaweit Anerkennung sicherten. Er kam als Reisender; er blieb ueber vier Jahrzehnte und malte das Wasser, den Stein und das Licht eines Ortes, den er sich vollstaendig zu eigen machte.
Nerlys Kindheit war von fruehem Verlust gepraegt. Sein Vater, ein Postbeamter in Erfurt, starb, als der Junge noch klein war. Ab 1815 uebernahm ein Onkel in Hamburg - ein Musiker - die Erziehung. Ersten Zeichenunterricht erhielt er von einer Tante, dann von einem weiteren Onkel, dem Lithographen Heinrich Joachim Herterich, in dessen Werkstatt der junge Nehrlich seine frueheste berufliche Grundlage fand. Die Arbeit bei Herterich brachte eine entscheidende Verbindung: die Freundschaft mit dessen Geschaeftspartner Johannes Michael Speckter, und durch die Familie Speckter die Bekanntschaft mit dem Maler und Kunsthistoriker Carl Friedrich von Rumohr. Rumohr erkannte etwas Foerderungswuerdiges. 1823 trat Nerly in seine Obhut ein und eignete sich ueber die folgenden vier Jahre die strenge Auffassung des aelteren Mannes in Fragen der Bildkomposition und des kunsthistorischen Denkens an.
1827 brachen Lehrer und Schueler gemeinsam zu einer Reise nach Sueden auf, durch den Harz in Richtung Italien. Ende 1828 erreichten sie Rom. Die Anziehungskraft der Stadt war unmittelbar. Nehrlich beschloss zu bleiben - und erfand sich umgehend neu, indem er den Nachnamen "Nerly" annahm, der italienischer klingen sollte. Vielleicht war die Geste pragmatisch; vielleicht entsprang sie einem tieferen Wunsch nach Zugehoerigkeit. Wie auch immer - der Name blieb. Rasch wurde er zu einer sichtbaren Figur in der roemischen Kuenstlergemeinschaft der Expatriates und uebernahm die Organisation des jaehrlichen Cervaro-Festes fuer den Deutschen Kuenstlerverein in Rom. Diese Aufgabe fuellte er bis 1835 aus, eine Zeit, in der er die Lektionen des italienischen Lichts und der klassischen Form aufnahm, die sein gesamtes weiteres Schaffen bestimmen sollten.
Nach einer kurzen Reise durch Sueditalien liess sich Nerly dauerhaft in Venedig nieder. Hier fand sein reifes Werk seine endgueltige Gestalt. Die Kanalansichten, naechtlichen Szenen und Architekturstudien, die er in den folgenden Jahrzehnten schuf, zeugen von einem Maler, der atmosphaerische Stimmungen mit ungewoehnlicher Praezision erfasste. Gondeln gleiten unter mondbeleuchteten Himmeln dahin; die Fassaden von San Marco und dem Palazzo Ducale treten aus dem Dunst mit einer tonalen Feinheit hervor, die den venezianischen Alten Meistern ebenso verpflichtet ist wie der romantischen Sensibilitaet, die er aus dem Norden mitbrachte. Seine Behandlung des auf dem Wasser reflektierten Lichts - nicht mit theatralischem Ueberfluss, sondern mit geduldiger, beobachtender Ehrlichkeit wiedergegeben - unterscheidet diese Bilder von den eher formelhaften Touristenansichten, die den Markt ueberschwemmten. In seinen besten Veduten werden Architektur und Atmosphaere untrennbar.
Ein sesshaftes Leben brachte auch persoenliche Bestaendigkeit. 1840 heiratete er Agathe Alginovich (1810-89), die Adoptivtochter des Marchese Maruzzi, und das Paar bekam einen Sohn, Friedrich Paul Nerly, der ebenfalls die Malerei ergreifen sollte. Anerkennung von jenseits Venedigs folgte: 1852 verlieh Koenig Wilhelm I. von Wuerttemberg von Nerly das Ritterkreuz des Kronenordens und damit das Recht, den Adelstitel "von" zu fuehren, den er fuer den Rest seines Lebens trug.
Nerly starb am 21. Oktober 1878 in Venedig und wurde im protestantischen Teil des Friedhofs von San Michele beigesetzt - jener Toteninsel, die er so oft von der anderen Seite des Wassers betrachtet hatte. Sein Vermaechtnis fand fuenf Jahre spaeter eine dauerhafte Heimat, als sein Sohn die gesamte Kunstsammlung der Stadt Erfurt ueberliess, mit der Auflage, sie zur Grundlage eines oeffentlichen Museums zu machen. 1886 eroeffnete das Angermuseum und erfuellte diesen Wunsch. Eine Strasse in Erfurt traegt noch heute seinen Namen.
Was in Friedrich von Nerlys Werk fortbesteht, ist etwas Stilleres als Spektakel. Sein Venedig ist nicht das Venedig der grossen Geste, sondern das einer praezisen, anhaltenden Betrachtung - eine Stadt, eingefangen zwischen Festigkeit und Aufloesung, zwischen Stein und Schimmern. Dass ein deutscher Maler aus dem Binnenland Erfurt Wasser und Himmel mit solch intimer Meisterschaft wiederzugeben vermochte, bleibt eine der stillen, echten Ueberraschungen der europaeischen Malerei des neunzehnten Jahrhunderts.