Ein Seil aus verknoteten Bettlaken, das aus einem Fenster im Florenz der Medici hängt. Die Geschichte mag halb Legende sein, doch sie haftet Filippo Lippi seit fünfeinhalb Jahrhunderten an, und sie sagt etwas über ihn aus. Um 1406 in Florenz geboren, gestorben am 8. Oktober 1469 in Spoleto, gehörte der italienische Maler und Karmelit zur ersten großen Generation des Quattrocento - und er verlieh der Malerei der Frührenaissance eine menschliche Wärme, die sie bis dahin nicht gekannt hatte.
Seine Anfänge waren trostlos. Als Sohn des Metzgers Tommaso verlor er mit zwei Jahren beide Eltern und kam zu einer Tante, Mona Lapaccia, die zu arm war, um ihn zu behalten. Mit acht Jahren gab man ihn in das benachbarte Karmeliterkloster, wo seine Schulbildung begann. 1420 trat er in Santa Maria del Carmine in das Noviziat ein, legte im Jahr darauf mit sechzehn die Ordensgelübde ab und empfing um 1425 die Priesterweihe. Bis 1432 blieb er im Konvent ansässig.
Die Malerei erreichte ihn früher als die Theologie. Giorgio Vasari berichtet ein Jahrhundert später, der junge Bruder habe die Ränder seiner Grammatikbücher derart mit Figuren gefüllt, dass der Prior schließlich nachgab und ihn zeichnen ließ. Nur wenige Schritte von seiner Zelle entfernt lag die Brancacci-Kapelle, kurz zuvor von Masaccio ausgemalt, und Lippi suchte sie immer wieder auf. Die Lektion saß. Masaccios schwere Modellierung und seine strenge architektonische Logik durchziehen sichtbar die frühen Tafeln - allen voran die Madonna von Tarquinia im Palazzo Barberini in Rom, auf der sich das Kind mit der ungeschönten Energie eines Säuglings ausstreckt. Zeitgenossen sagten, Masaccios Geist sei in ihn gefahren.
1432 verließ er das Kloster, ohne je von seinen Gelübden entbunden zu werden. In einem Brief von 1439 nennt er sich den ärmsten Bruder von Florenz, belastet mit sechs Nichten im heiratsfähigen Alter. Vasari schickt ihn nach Ancona und Neapel, lässt ihn von Korsaren verschleppen und als Sklaven halten, bis ein nach dem Leben gezeichnetes Porträt ihm die Freiheit verschafft. Spätere Forscher, unter ihnen Louis Gillet, taten die Episode als reine Erfindung ab. Sie zeigt, wie rasch gerade dieses Leben zur Legende wurde.
Zurück in Florenz wuchs sein Ruf, und die Medici nahmen sich seiner an. Für sie entstanden die Verkündigung und die Sieben Heiligen. Cosimo de' Medici, entnervt vom Verschwinden des Malers, soll ihn eingeschlossen haben, um ihn zur Arbeit zu zwingen - woraufhin Lippi seine Bettlaken verknotete und aus dem Fenster stieg. Prozesse, Schulden, gebrochene Zusagen und mindestens eine Urkundenfälschung ziehen sich durch die Akten. Geld rann ihm mit bemerkenswerter Beständigkeit durch die Finger.
1441 malte er für die Nonnen von Sant'Ambrogio die Krönung Mariae, eine dichtgedrängte, golddurchleuchtete Versammlung von Engeln und Heiligen. Eine Halbfigur am rechten Rand, hervorgehoben durch das Schriftband eines Engels mit den Worten is perfecit opus, galt lange als Selbstbildnis; heute neigt die Forschung dazu, darin den Stifter zu sehen. Robert Browning machte Bild und Maler 1855 mit seinem dramatischen Monolog erneut berühmt.
1452 wurde er zum Kaplan der Nonnen von Santa Maria Maddalena bestellt. Im Juni 1456 ist er in Prato nachweisbar, wo er die Chorfresken des Doms in Angriff nahm, und 1457 erhielt er das Kommendatarrektorat von San Quirico in Legnaia, eine Pfründe, die ihm zeitweise ansehnliche Summen einbrachte. In Prato, bei der Arbeit für die Klosterkapelle Santa Margherita, begegnete er Lucrezia Buti, der Tochter des Francesco Buti und der Caterina Ciacchi, die dort als junge Konventualin lebte. Er bat darum, sie als Madonna Modell sitzen zu lassen. Sie verließ das Kloster mit ihm und kehrte nicht zurück, allen Rückholversuchen der Nonnen zum Trotz. 1457 kam ihr Sohn Filippino zur Welt, 1465 die Tochter Alessandra.
Die Fresken von Prato bleiben sein monumentalstes Werk. Die einander gegenüberliegenden Wände tragen die Legenden des heiligen Stephanus und Johannes' des Täufers, das Gewölbe die vier Evangelisten, die Stirnwand die Heiligen Johannes Gualbertus und Albert. Beim Gastmahl des Herodes tanzt Salome in langem, durchscheinendem Gewand, dessen Faltenzug dem Körper vorauseilt wie eine rein kalligraphische Linie - Botticelli sah zu, später auch Filippino. Die Totenklage um Stephanus ist stiller und rätselhafter: eine Reihe ernster toskanischer Gesichter, unter denen sich nach allgemeiner Auffassung der Maler selbst befindet, ohne dass jemand sagen könnte, welches das seine ist. In der tanzenden Salome erkennt man gemeinhin Lucrezia.
Auch sonst ist die Spannweite groß. Germiniano Inghirami aus Prato bestellte einen Tod des heiligen Bernhard; im Refektorium von San Domenico hing eine Geburt Christi, das Kind auf dem bloßen Boden zwischen den Heiligen Georg und Dominikus, musizierende Hirten in felsiger Landschaft und sechs Engel darüber. Eine Vision des heiligen Bernhard bewahrt die National Gallery in London, eine Anbetung im Walde von 1459 die Gemäldegalerie Berlin, eine Madonna mit Kind aus den frühen 1440er Jahren die National Gallery of Art in Washington. Am schönsten aber ist die Lippina der Uffizien: Maria - wieder Lucrezia - blickt auf das Kind, das zwei schelmische Engel emporhalten, vor einem Fenster aus blassem Fels und Wasser. Das heilige Sujet wird hier zum häuslichen Interieur mit einer wirklichen Frau darin, und die Tafel darf für sich beanspruchen, weibliche Schönheit in der italienischen Malerei erstmals als beobachtet und nicht als vorgeschrieben zu zeigen.
Seine letzten Jahre verbrachte er in Spoleto, wo er zwischen 1467 und 1469 in der Apsis des Doms Szenen aus dem Marienleben freskierte. Die Krönung Mariae füllt die Halbkuppel, umgeben von Sibyllen, Propheten und Engeln; darunter folgen Verkündigung, Anbetung und Marientod. Unter den Trauernden stehen Lippi selbst, seine Gehilfen Fra Diamante und Pier Matteo d'Amelia sowie Filippino, damals bereits ein eigenständiger Maler. Am oder um den 8. Oktober 1469 starb er in Spoleto; die Todesursache ist bis heute ungeklärt - die Version einer Vergiftung durch Verwandte Lucrezias hat sich am hartnäckigsten gehalten. Fra Diamante und die Werkstatt vollendeten die Apsis. Lorenzo de' Medici stiftete das Grabmal im rechten Querhaus.
Was bleibt, ist nicht der Skandal, sondern die Zärtlichkeit. Vielleicht verstand ein Mann, den man mit acht Jahren weggegeben hatte, besser als andere, was es heißt, dass eine Mutter ihr Kind hält - und malte es entsprechend. Sandro Botticelli und Francesco di Pesello, genannt Pesellino, erlernten ihr Handwerk in seiner Werkstatt, und sein Sohn trug die Manier ins folgende Jahrhundert; die Linie führt von Masaccio über Filippo Lippi bis zur Primavera. Vor der Lippina bleiben die Besucher der Uffizien noch immer am längsten stehen. Das ist sein Maß - ein Mönch, der seine Gelübde brach, seinen Auftraggebern davonlief und die menschlichsten Madonnen seines Jahrhunderts hinterließ.